Radltouren, Randonneur-Brevets & Ultra-Radmarathons
von Manfred Tinebor

VOL2008

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Thursday, 27 November, 2008
20:58

Abenteuer Russland (Teil 1)   


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Manfred Tinebor

Вологда-Онега-Ладога 2008
Vologda-Onega-Ladoga 2008


So weit die Füsse radeln...

Teil 1


Wo liegt Karelien?

Die Entscheidung, an einem Ultra-Radmarathon in Russland teilzunehmen, treffe ich im November 2007. Ich entscheide mich für die 1200 km Route „Vologda-Onega-Ladoga“.  Organanisator der nach gleichen Regeln wie „Paris-Brest-Paris“ zu radelnden Extremtour ist der Radsportklub BalticStar, Sankt Petersburg. Der größte Teil der Strecke führt durch Karelien und soll um die beiden größten europäischen Binnenseen Ladoga und Onega herumführen.
Ich brauche ein Lexikon und einen Atlas, um festzustellen, dass Karelien eine Republik ist und an der östlichen Grenze von Finnland liegt. Es reizt mich, mit der Extremtour einen Teil Europas kennenzulernen, der bei uns im Westen fast unbeachtet und nicht bekannt ist.


Manfred in SPb an der Auferstehungskirche
Manfred in St. Petersburg an der Auferstehungskirche

Vorbereitungen

Ich beginne auch gleich mit den Vorbereitungen, für die sich der Winter gut eignet: Ich lerne die kyrillische Schrift, um in Russland zumindest Orts- und Hinweisschilder lesen zu können und übe einige russische Wörter wie Höflichkeitsformeln, Zahlwörter oder die Frage nach dem Weg.
Zu den weiteren nichtsportlichen Vorbereitungen gehört die Aufbereitung und Implementierung digitaler, russischer Strassenkarten in mein GPS, die Beschaffung eines Einreisevisums für die russische Föderation, sowie Flug- und Hotelbuchungen
Aufgrund meiner Erfahrungen mit Vibration und Erschütterung bedingten Nackenproblemen bei „Paris-Brest-Paris“ baue ich eine gefederte Vordergabel in meinen Carbon-Renner ein
Zur sportlichen Vorbereitung absolviere ich im Frühjahr 2008, wie im Jahr davor, die Super-Brevetserie 200km, 300km, 400km und 600km.


Sankt-Petersburg

St. Petersburg, Dvorkovaya-Platz
St. Petersburg, Dvorkovaya-Platz

Am 30. Juni 2008 beginnt das Abenteuer. Ich fliege von Berlin nach Sankt Petersburg. Meinen Renner transportiere ich im Radkoffer. In Sankt Petersburg wohne ich mit den bayerischen Randonneuren Karl W., Karl M., Tom und Frank, dem Holländer Ivo und dem Belgier Antoon im gleichen Hotel.
Gemeinsam erkunden wir die Stadt mit Isaak-Kathedrale, der Festung „Peter und Paul“, der Admiralität und dem Panzerkreuzer Aurora, der 1917 mit einem Kanonenschuss die Oktoberrevolution auslöste.
Zur Fortbewegung in Sankt Petersburg benutzen wir ausnahmsweise keine Fahrräder. Wir nehmen die Metro. Die Petersburger Metro ist die tiefste U-Bahn der Welt. Der Höhenmesser meines GPS zeigt an, dass uns die endlos wirkende Rolltreppe zur Metro in eine Tiefe von 72m unterhalb des Meeresspiegels befördert.
Karl W. wird leider Opfer eines dummen Unfalls. Er zieht sich eine tiefe Schnittwunde der Wade zu und muss in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Für Karl W. ist es das Aus vom Traum Kareliens.
Sankt Petersburg beeindruckt mich. Wenn ich am Ufer der Neva stehe, mit Blick auf die Zugbrücken und die Silhouette der Stadt, kann ich fast glauben, ich stehe in London an der Themse. Die Hauptstraße Newski-Prospekt dagegen erinnert mit Weitläufigkeit, historischen Gebäuden und Denkmälern an die Champs-Élysées in Paris. Ich erlebe Petersburg als eine westliche Weltstadt mit westlichem Niveau. Westlich sind auch Waren, Mode und Autos. MacDonalds ist genauso vertreten wie Modegeschäfte vom Ostwestfalen Gerry Weber. Die große Anzahl westlicher Nobelkarossen überrascht mich. Insbesondere scheinen die Russen eine Vorliebe für deutsche Luxus-Geländewagen zu haben. Nie zuvor habe ich so viele Porsche Cayenne und Audi Q7 auf einmal gesehen.

Kreml Vologda
Kreml Vologda

Nachtzug nach Vologda

Startort des Radmarathons ist die russische Stadt Vologda. Vologda liegt etwa 600km östlich von Sankt Petersburg. 
Am Abend des 2. Juli nehmen wir den Nachtzug nach Vologda. Ivo der Holländer, Antoon der Belgier, der dänische Liegeradfahrer Jan und ich wollen soviel Russland wie möglich erleben. Wir haben deshalb die Schlafplätze in der „Holzklasse“ des Zuges gebucht. Beim Einsteigen zeigt sich ein Problem. Gänge und Schlafabteile des Zuges sind so eng, dass wir nirgendwo unsere Fahrräder abstellen können. Das Schlafabteil besteht aus vier Liegen, jeweils zwei übereinander angeordnete Liegen an jeder Seite. Über den Liegen ist jeweils ein Gepäckfach. Die Gepäckfächer sind wesentlich zu klein für die Fahrräder. Ivo hat die Idee: Wir demontieren die Vorderräder der Fahrräder und heben die Fahrräder an die Decke des Abteils. Wir legen die Räder jeweils vom Gepäckfach einer Seite zum Gepäckfach der gegenüberliegenden Seite. Ivo sollte eine Verfahresanweisung für den Transport von Fahrrädern in russischen Schlafabteilen schreiben!

Auf dem Kreml in Vologda
Auf dem Kreml in Vologda

Antoon und ich teilen uns das Schlafabteil mit zwei russischen Frauen. Eine der Frauen ist Studentin an der Uni Petersburg und kann englisch und etwas deutsch. Die Unterhaltung mit den Frauen gestaltet die Fahrt angenehm kurzweilig.

Vologda

In Vologda werden unsere Fahrräder in einem Sportheim untergebracht. Mit dem Taxi fahren wir in unser Hotel. Vologda zeigt sich als idyllische, saubere Kleinstadt. Der Stadtkern ist geprägt durch die malerischen Brücken über den Fluss und durch die anmutigen Kirchen mit den eigentümlichen Zwiebeltürmen.
Am Abend des 3. Juli versammeln sich alle Teilnehmer des Radmarathons im Foyer des Stadthotels. Der Präsident des Radsportklubs BalticStar, Mikhail Kamentsev, erläutert die Strecke. Die Route führt von Vologda zunächst nordwärts in die Republik Karelien, um den Onega-See herum, bis zur karelischen Hauptstadt Petrosavozk, dann Richtung Südwest zum Ladogasee. Am Ufer des Ladoga geht es nordwärts zum Ziel, Badeort und Hafenstadt Sortavala. Für die gut 1.200km lange Strecke steht ein Zeitlimit von 90 Stunden zur Verfügung. Zielschluss soll am 8.7.08 um 1:20Uhr sein. Auf der Strecke sind 14 Kontrollstellen anzufahren. Das „Roadbook“ für die Kontrollstempel, Rahmenschild mit Startnummer für’s Fahrrad und die Wegbeschreibung mit Beschreibung der Kontrollstellen werden übergeben. Die Versammlung gibt Gelegenheit, die anderen Teilnehmer des Radmarathons kennen zu lernen.


Zu den 48 Teilnehmern gehören:
30 Russen
2 Ukrainer
3 Österreicher
1 Belgier
1 Niederländer
1 Israeli
8 Deutsche

Aufstellung zum Starterfoto
Aufstellung zum Starterfoto
Am Morgen des 4. Juli holen wir unsere Fahrräder aus dem Sportheim, füllen unsere Wasserflaschen und machen uns startklar. Langsam rollen wir zum Startplatz, dem Kreml des Städtchens. Nach einem Gemeinschaftsfoto an der Auferstehungskathedrale erfolgt zunächst der Vorstart in kleinen Gruppen. An der Stadtgrenze findet dann der gemeinsame Hauptstart statt.

En route
En route

En route

Die Sonne scheint und mit leichtem Gegenwind rollen wir nordwärts. Die ersten 50 Kilometer bleibt das Feld bei moderater Geschwindigkeit ziemlich geschlossen. Erst allmählich erhöht sich das Tempo an der Spitze des Feldes und immer mehr Fahrer lassen sich zurückfallen. Ich fühle mich gut und mache die Tempoerhöhung mit. Ich schliesse mich den beiden Österreichern Ferdinand und Gerold an, die mächtig Dampf machen.
Nach 128 km erreichen wir mit etwa 4 Stunden Fahrtzeit die erste Kontrollstelle Kirillov. Die Kontrollstelle befindet sich an den massigen Mauern und stilvollen Türmen des aus dem 16. Jahrhundert stammendem Kirill-Beloserski-Klosters. Schade dass der Radmarathon keine Zeit für eine Besichtigung lässt. Schnell Eintrag ins Roadbook, Wasserflaschen füllen und weiter.   Das Wetter ist prima, ich fühle mich blendend und es macht Spaß, mit den Österreichern Tempo zu bolzen. Die Straßen sind hier in recht ordentlichem Zustand. Die wenigen Schlaglöcher lassen sich gut umfahren. Wir radeln durch ländliche, bewaldete Landschaft, es herrscht wenig Verkehr. Die zweite Kontrollstelle Lipin Bor befindet sich nach 201 km an einer Tankstelle. Die Tankstelle wird nach 6 Stunden und 54 Minuten erreicht. Bis hierhin haben wir trotz kräftigem Gegenwind einen Schnitt von fast 30 km/h erreicht. Ich bin mit mir mehr als zufrieden. Ich esse drei Wurstbrote und fülle meine Flaschen. Die Österreicher haben ein Begleitfahrzeug und werden von diesem versorgt. Um 14:40 Uhr verlasse ich die Kontrollstelle und setze die Fahrt gut gelaunt fort. Da die Schlaglochdichte größer wird und ich in der Gruppe Windschatten fahrend die Löchern immer wieder zu spät sehe, beschliesse ich, die Österreicher fahren zu lassen. Allein radelnd kann ich den Löchern besser ausweichen.

Leistungstief?

Avi in Kirillov
Avi in Kirillov
Die Sonne scheint kräftig. Der Nachmittag wird über 30°C warm.  Der Straßenzustand wird schlechter, die Schlaglochdichte erhöht sich weiter. Gelegentlich gibt es Stellen, an denen die größten Schlaglöcher frisch ausgebessert waren. Diese sind deutlich an dem frischen Teer zu erkennen.
Ich werde immer langsamer. Ich habe dass Gefühl, dass mich jemand hinten festhält. Mein Renner läuft zunehmend schwergängiger. Zuerst glaube ich an ein Leistungstief, aber ich fühle mich noch gut. Dann bin ich überzeugt, dass die Bremsen schleifen müssen. Ich nehme die Musikhörer aus den Ohren. Tatsächlich höre ich Schleif ähnliche Geräusche. Ich halte an, um der Sache auf den Grund zu gehen. Kaum steht mein Rad, sacken die Laufräder in den Teer der Straße ein! Mein Fuß, mit dem ich mich abstützte sackt ebenfalls in die frisch ausgebesserte Strassendecke ein. Vorsichtig stake ich mein Fahrrad schiebend und ziehend von der Straße.
Was ist passiert? Die pralle Sonne hat den frischen Teer aufgeweicht. Die Reifen meines Rades haben den Teer aufgenommen. Der Teer hat die Reifen mit den Durchlaufstellen des Rahmens und den Bremzzangen völlig verklebt.

Aufgeweichter Teer
Aufgeweichter Teer

Schlimmer als Hundekacke

Ich muss die Räder ausbauen und den Teer von den Reifen kratzen. Mit meinem Schweizer Messer schabe ich den Teer aus den Durchlaufstellen des Rahmens und aus den Bremszangen. Damit ich mit meinen Schuhen wieder in die Klickpedalen rasten kann, muss ich auch diese vom gröbsten Teer befreien. Das Zeug ist um Potenzen schlimmer als Hundekacke. Mein Schweizer Messer verklebt, dass es sich nicht mehr zuklappen lässt. Ich hoffe, meine mit Teer verschmutzten Hände kleben nicht am Lenker fest.
Ich gehe etwa 5 Kilometer neben der Straße zu Fuß, bis ich meine, dass die frischen Teerflicken so weit auseinander sind, dass ich zwischen diesen durchfahren kann.  Ich täusche mich. Zweimal musse ich die Prozedur mit dem Freischaben der Reifendurchlaufstellen wiederholen.
Die meisten anderen Fahrer haben mit dem aufgeweichten Teer wenig Probleme und überholen mich, während ich neben der Straße zu Fuß gehe oder schwarze Hundekacke kratze. Die Fahrer von Mountainbikes mit breiten Strassenreifen haben offensichtlich überhaupt kein Problem. Ursache meiner Schwierigkeiten sehe ich in dem engen Rahmen meines Renners. Eigentlich wollte ich für Russlands Straßen 28er Reifenbreite fahren. Die 28er Reifen liefen jedoch nicht durch den Rahmen. Ich wählte 25er, die so gerade eben durchlaufen. An den engsten Stellen sind etwa 3mm Luft zwischen Reifen und Rahmen. Diese 3mm sind leider schnell bremswirkend durch den schwarzen, klebrigen Teer gefüllt. Durch den Klebe-Teer habe ich 2 ½ Stunden Zeit verloren. Wegen der hohen Geschwindigkeit auf den ersten 200 km liege ich trotzdem nicht allzuviel hinter meinem Zeitplan.

Grillhütte Aleksandrovskuyu
Grillhütte Aleksandrovskuyu

Pasta-Mahlzeit in Grillhütte

Nach etwa 12 ½ Stunden erreiche ich den 3. Kontrollpunkt Aleksandrovskuyu bei km 306. Die Kontrolle befindet sich in einer Grillhütte. Meine Kohlehydratspeicher fülle ich mit einer warmen Pasta-Mahlzeit auf. Die Mahlzeit wird von Helfern per Fertiggericht und dem Aufguß mit Lagerfeuer erhitztem Wasser hergestellt – es schmeckt.
Meine Flaschen fülle ich mit verdünnten Fruchtsäften wieder auf.  Gestärkt und gut gelaunt verlasse ich gegen 20:00 Uhr die Kontrollstelle.
Ich fahr allein, der Gegenwind hat etwas nachgelassen und mein Renner läuft wieder, als wäre ein Motor eingebaut. Ich erreiche die unscheinbare Grenze Kareliens. Nur ein großes Schild an der Straße teilt mit, dass ich Russland verlasse und mich nun in der Republik Karelien befinde.
Ich pedaliere durch schier endlose Fichtenwälder. Nach 398 km erreiche ich gegen 22:30 Uhr die Kontrollstelle 4 „Saminskij pogost“. Für die 92 km seit der Kontrollstelle 3 hatte ich nur 2 ½ Stunden gebraucht. Mein Renner hat die Strecke zwischen den Kontrollstellen mit 36 km/h zurückgelegt. Auf einer Wiese neben der hölzernen Dorfkirche sind ein paar Schlafzelte aufgebaut. Noch fühle ich mich zu wach zum Schlafen. Nach etwas Getreidebrei und Kaffee schwinge ich mich wieder auf meinen Renner.

Nordrussische Landschaft um Mitternacht
Nordrussische Landschaft um Mitternacht

Farbenspiel

Ich genieße das Radeln durch die wechselnden Farben des langen Sonnenuntergangs. Das Glühen des Himmels wechselt von gelb über orange nach purpurrot. Dann werden Wälder und Seen in ein phantastisches lila Licht getaucht. Mein MP3-Player ist ausgeschaltet und ich höre nur das leichte Säuseln des Windes in den Bäumen und das gleichförmige Surren meiner Reifen auf dem rauhen Asphalt. Peng! Es knallt in der Stille und mein Hinterreifen ist platt. Das leuchtende Farbenspiel hat mich so fasziniert, dass ich ein fast badewannentiefes Schlagloch übersehen habe. Der Reifen ist bis auf die Felge durchgeschlagen und hat den Schlauch durchstoßen. Kaum bin ich vom Rad abgestiegen, umschwärmen mich unzählige Mücken. Ich schlage wie wild um mich und kann trotzdem nicht verhindern, dass ich fortwährend gestochen werde. Um mich schlagend, baue ich das Hinterrad aus. Obwohl es Mitternacht ist, spendet der lila glühende Horizont genug Licht zum Schlauchwechsel. Die Taschenlampe kann im Rucksack bleiben. Ich versuche die Reparaturarbeiten möglichst einhändig auszuführen. Die andere Hand brauche ich zum Mückenschlagen. Für das Luftpumpen benötige ich beide Hände, welches die Mücken sarkastisch ausnutzen. Nach meiner Zwangspause steige ich völlig zerstochen wieder auf meinen Renner. Meine juckende Haut kratzend radele ich freihändig langsam weiter. Der Sonnenuntergang wechselt ohne Übergang in den Sonnenaufgang. Bei kühlem Morgenlicht erreiche ich gegen 4:30 Uhr frierend und zerstochen die Kontrolle 5 in der Dorfschule von Pudozh. In der Schule ist es gemütlich warm. Zu gemütlich. Ich werde müde und kann mich während der warm servierten Mahlzeit kaum wach halten. Im Klassenraum der dritten Klasse finde ich eine freie Matraze. Ich schaffe knapp meine Schuhe auszuziehen, bevor ich fest einschlafe. Nach vier Stunden wache ich auf. Eine Tasse Kaffee, meine Wasserflaschen gefüllt und dankend verabschiedend steige ich steif auf mein Carbonross.

Typische Schlaglochpiste
Typische Schlaglochpiste

Schlaglochpisten

Es dauert eine Weile, bis ich mich wohl fühle. Gerade als die Kurbeln mit rundem Tritt drehen wollten, fängt es an zu regnen. Ich halte an, krame meine Regenjacke aus dem Rucksack und setze die Fahrt bei nun strömendem Regen fort. Die Schlaglöcher der Strasse sind schnell mit Regenwasser gefüllt und stellen nun ein größeres Problem dar. Mit Wasser gefüllt ist nicht mehr erkennbar, ob eine Wasserpfütze 2 cm oder 20 cm tief ist. Mit gedrosseltem Tempo umkurve ich die Pfützen in Schlangenlinien. In der Ferne erkenne ich einen langsam größer werdenden Punkt. Ich hole den dänischen Liegeradler Jan ein. Ich staune, dass es überhaupt möglich ist, mit dem Liegerad derartige Schlaglochpisten zu befahren. Ich stelle mir vor, dass für ihn die Reise zu Ende sein wird, wenn das kleine 20"-Vorderrad seines Liegers in einem tiefem Strassenkrater vollständig eintaucht und stecken bleibt. Gemeinsam erreichen wir nach 518 km um 11:15 Uhr das Kinderferienlager Peschanoe am Onega-See. Es regnet nicht mehr. Die Einfahrt zur Kontrollstelle 6 ist unübersehbar mit bunten Luftballons geschmückt. In einer hellblauen Holzhütte wird uns eine warme Suppe gekocht. Der Tisch ist gedeckt und bietet Brot, Käse und Wurst am Stück . Während ich nach dem Essen Kaffee trinkend sitzen bleibe, trifft Frank ein. Gegen 12:30 Uhr kommen weitere Radler in der Kontrollstelle an und ich mache mich auf den Weg, bevor es in der kleinen Hütte zu eng wird.

Manfred & Jan in Pestnachoe
Manfred & Jan in Pestnachoe
Bei Sonnenschein stämme ich mich gegen den starken Wind am Onega-See nordwärts entlang. Der Liegeradler Jan ist aerodynamischer und kommt hier leichter voran. Leider bietet er nicht die Möglichkeit des abwechselnden Windschattenfahrens. Schade, dass der Onega-See wegen der Bewaldung nur selten zu sehen ist. Dafür bremst der Wald an einzelnen Steckenabschnitten die Wucht des Gegenwindes ein bisschen.
Einige Kilometer vor der Kontrolle 7 endet die befestigte Straßendecke. Schritttempo fahrend versuche ich mit der dünnen Rennradbereifung auf der Schotter- und Sandpiste in der Spur zu bleiben. Um 15:00 Uhr erreiche ich die Dorfschule in Chyolmuzhi. Eintrag ins Roadbook, Wasserflaschen gefüllt, ein kleiner Imbiss und um 15:20 Uhr bin ich wieder auf der Schotter- und Sandpiste. Nach Erreichen befestigter Straße kann ich wieder Tempo aufnehmen.

Holzkirche Povenec
Holzkirche Povenec

Belomor-Baltik-Kanal

Gegen 18:00 Uhr erreiche ich den Belomor-Baltik-Kanal. Der Kanal ist Teil der Wasserstraße von der Ostsee zum Weissen Meer. Ich halte an und mache einige Fotos von der Schleusenanlage, die für die Schiffe den Höhenunterschied vom Kanal in den Onega-See ausgleicht. Während ich dort stehe und dem Schleusenbetrieb zuschaue, kommt ein uniformierter Mann im Befehlston redend auf mich zu und wedelt mit seinem Schlagstock gegen meine Kamera. Der Adrenalinschub in meinem Körper lässt meinen Pulsmesser piepsen. Zunächst verstehe ich kein Wort und zucke mit den Schultern. Dann wird mir klar, dass hier offensichtlich fotografieren nicht erlaubt ist. Der Uniformierte zeigt auf ein entsprechendes Verbotsschild an der Schleuse. Der Kanal hat gewiss militärisch strategische Bedeutung und dient der Flottenverlegung. Ich entschuldige mich verbeugend und bin froh, dass mir meine Kamera nicht abgenommen wird. Erlöst radel ich weiter und erreiche am Ortseingang von Povenec ein Denkmal mit einer riesigen Kanone. Ich schaue mich mehrmals um, bevor ich mich traue meine Kamera herauszuholen. Während ich fotografiere entdecke ich einige hundert Meter von der Straße entfernt eine imposante Holzkirche. Ich verlasse die Straße und fahre auf einem Sandweg zur Kirche. Während ich mir die faszinierende, gepflegte Kirche fotografierend anschaue, nähern sich auf dem Sandweg zwei russische Radler. Valentin und Sergej haben die Route zwecks Kirchenbesichtigung ebenfalls verlassen. Sergej informiert mich auf englisch über die Historie: In den Jahren 1930-1933 ließ Stalin den Belomor-Baltik-Kanal von 350.000 Zwangsarbeitern und Häftlingen erbauen. Die Kirche wurde zum Gedenken an die mehr als 100.000 Menschen errichtet, die während des Kanalbaus den Tod fanden.

Kontrollstelle am Onega-See
Kontrollstelle am Onega-See
Nach kurzer Pause und Ölen meiner Kette biege ich kurz nach den russischen Radlern vom Sandweg auf die Straße nach Medvezhyegorsk ein. Um 19:40 erreiche ich die Stadt. An einem Kiosk kaufe ich mir ein paar Leckerli zum Naschen. Gegen 20 Uhr biege ich den Abstecher zum Kontrollpunkt 8 ab. Die Hügel mit kurzen, knackigen Anstiegen auf dem 25 km-Abstecher bieten etwas Abwechslung von der sonst flachen bis sanftwelligen Route durch Karelien.

Lagerfeuer am Onega-See

Um 21:20 Uhr erreiche ich nach 682 km die Kontrolle 8 an einem Lagerfeuer auf dem Strand des Onega-Sees. Das Feuer hält die Mücken auf Distanz und verbreitet angenehme Wärme. Ich suche mir einen wärmenden Platz, bekomme dicke Nudellsuppe mit Fleischeinlage serviert und esse mit großem Appetit. Die Hälfte der Route ist nun geschafft, ich liege gut in meinem Zeitplan, ich fühle mich wohl und habe einen berauschenden Blick auf den abendlichen See. Die Stimmung zwischen Helfern und Radlern ist freundlich, fast familiär. Stundenlang könnte ich hier sitzen bleiben und die Atmosphäre geniessen. Gegen 23:00 Uhr entschliesse ich mich, nicht hier in den Zelten zu übernachten, sondern wie geplant weiterzufahren. Es fällt mir schwer, mich zu verabschieden und wieder aufs Fahrrad zu setzen.

Lagerfeuer am Onega-See
Lagerfeuer am Onega-See
Ich radle den hügligen Abstecher zurück nach Medvezhyegorsk. Einige Radler kommen mir grüßend entgegen. Die Stadt erreiche ich um Mitternacht mit rumorendem und drückendem Darm. Ich finde eine offene Tanke mit Plumpsklo. Mit 1 Kilo reduziertem Gesamtgewicht biege ich eine Viertelstunde später auf die Strasse nach Girvas ab. Die Straßendecke ist hier in gutem Zustand und ich komme zügig voran. Ich lege meine Unterarme lang auf den Lenker, rutsche mit dem Hintern auf die Sattelspitze und gebe meinem Carbon-Ross die Sporen. Ich durchreite flaches Marschland. Die Sonne taucht nicht vollständig hinter dem Nachthorizont ab. Der glühende Horizont spiegelt sich in den zahlreichen kleinen und größeren Seen. Zwischen den Seen rauschen Birkenwälder an mir vorbei. Der Wind hat nachgelassen, die Luft ist klar, Sauerstoff satt.

„Eiserne Straßensperre“

Mein GPS zeigt eine Geschwindigkeit von mehr als 40km/h und mein Pulsmesser meldet dennoch aeroben Pulsbereich. Träume ich? Ich reite über eine Flussbrücke. Plötzlich knallt es mit gewaltigem Stoß. Ich gerate ins Schlingern und habe Mühe, ohne Sturz in den Stillstand zu kommen. Mein Hinterrad ist wieder platt. Ich endecke eine Delle in der Bremsflanke der Hinterradfelge. Ich lege mein Rad in den Straßenrand und gehe zurück um zu schauen, was mich gewaltsam gestoppt hat: Die Brückendecke ist einige cm tiefer als die Straßendecke. Den Übergang von der Brückendecke auf die Straßendecke bildet eine Eisenkante. In der Fahrbahnmitte ist die Kante etwa 2-3 cm hoch. Am von mir befahrenen Randstreifen hat die Eisenkante eine Höhe von 8-10 cm. Das gefederte Vorderrad hat die Kante schadlos überfahren. Der Reifen des Hinterrades ist an der 10cm hohen Eisenkante bis auf die Bremsflanke durchgeschlagen. Mit dem Dosenöffner meines Schweizer Messers versuche ich die Delle der Bremsflanke zu richten. Es gelingt mir nicht ganz. Mir wird kalt. Die Finger werden steif. Die Temperaturanzeige des Pulsmessers zeigt 2°C.

Schlafen in der Turnhalle Girvas
Schlafen in der Turnhalle Girvas
Mit dem Messer schabe ich den verbleibenden Rest der Delle soweit ab, dass die Felge einigermaßen rubbelarm durch die Bremse läuft. Aus den Seen steigt kalter Nebel. Die Lichtfarbe ändert sich. War eben der Horizont noch dunkelorange, so ist jetzt die Lichtfarbe grauweiß. Der vom Horizont beleuchtete Nebel taucht Seen und Wälder in diffuses, weißes, kaltes Licht. Alle warmen Farben sind verschwunden. Plötzlich ist mir klar, was mit der Bezeichnung „weiße karelische Nächte“ gemeint ist. Der Schlauch zeigt den typischen Schlangenbiss und auch die Reifendecke ist leicht beschädigt. Sicherheitshalber klebe ich mit vor Kälte zitternden Händen einen dicken Flicken von innen an die beschädigte Stelle der Decke. Der kalte Nebel kriecht durch die Kleidung. Selbst beim Aufpumpen des neuen Schlauches wird mir nicht warm. Ich schaue auf die Uhr. Es ist 2:30 Uhr. Die Panne hat mir fast eine Stunde Aufenthalt beschert.
Um 4:30 Uhr erreiche ich nach nun 784 km durchgefroren die Kontrollstelle 9 in der Dorfschule von Girvas. Einen Teller warme Nudeln und mit Behagen schlüpfe ich in der Turnhalle unter eine wärmende Decke. Ich schlafe sofort ein. Die Weckfunktion meines GPS hatte ich auf 9:00 Uhr gestellt. Bevor der Wecker aktiv wird, wache ich von selbst auf. Nach einem ausgiebigen Frühstück verlasse ich gestärkt die gastliche Schule. Die Sonne strahlt. Es wird wieder eine schöner Tag werden. Von Kindern bewinkt radele ich aus dem Dorf. Ich bin gut in meinem Zeitplan und gut gelaunt.

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